Von erlösenden Tränen + Wut mit spitzen Zähnen

Schon während des Telefonates mit einer Freundin reiße ich die Prinzenrolle auf.

Zumindest versuche ich es, denn der Anfang dieses blöden Plastikbändchens, das das Paket öffnen soll, lässt sich mal wieder nicht finden. Wie immer. Also reiße ich das Ganze oben auf, zerfetze wütend die Packung und kann mir endlich den ersten Keks in den Mund schieben. Erleichterung. Irgendetwas in mir atmet auf.

 

Während der gesamten Prozedur, quasselt meine Freundin am anderen Ende der Leitung fröhlich weiter.

Dabei habe ich sie doch angerufen, weil ich ihr mein Herz ausschütten will.

Aber dazu komme ich erst gar nicht. Sie beginnt sofort von sich zu reden und fragt während des einstündigen Telefonates nicht einmal nach dem Grund meines Anrufes.

Sie redet und redet. Ich esse und esse - eine ganze Stunde lang.

 

Außer ein paar „Hmmms“ und „Mpfs“ gebe ich nichts von mir.

Nach einer Stunde beendet sie das Gespräch mit den Worten:

„Ach, ich muss aufhören. Wir haben wieder viel zu lange gequatscht. War schön mit Dir gesprochen zu haben!“ und legt auf.

 

Ein solches Telefonat gäbe es heute nicht mehr.

Heute erkenne ich meistens den Grund des plötzlichen Heißhungers auf Kekse, Schokolade, Brote, Käse, … und anstatt, wie in diesem Fall, meine Wut unter einem Haufen Essen zu begraben, lasse ich sie zu.

Ich beschäftige mich mit ihr, gebe ihr ein Gesicht.

Sie hat kleine spitze Zähne, mit denen sie mich malträtiert bis ich ihr zuhöre.

Meistens ist die Wut schlauer als ich, denn sie erkennt sofort, wenn ich mich unterbuttern lasse und ruft sofort „STOPP“.

Sie kann es nicht ertragen, wenn ich zum tausendsten Mal Dinge mache, die ich eigentlich gar nicht tun will oder wenn ich es zulasse, dass mich jemand ungerechtfertigt schlecht behandelt. Dann tobt sie und wütet in meinem Innern, wie ein Derwisch.

Heute erkenne ich, wie hilfreich sie ist.

Sie will mich mit ihren spitzen Zähnen nicht verletzen.

Sie will mich schützen.

Heute sagen wir gemeinsam „STOPP“ – gemeinsam sind wir stark.

Wir sind ein gutes Team.

 

Ein anderes Mal sitze ich abends auf dem Sofa und werde von einem Hunger auf Schokolade oder Pudding überfallen, der keinen Aufschub duldet. Er will sofort gestillt werden. Schnell. Aber ein paar Tage zuvor haben mein Coach und ich besprochen, dass ich bei der nächsten abendlichen Hungerattacke nicht direkt in die Küche laufe und mich vollstopfe. Ich soll es aushalten nichts zu essen und stattdessen in mich hineinspüren. Sehen was passiert.

 

Statt auf dem Sofa sitzen zu bleiben, gehe ich in mein Zimmer, um alleine zu sein.

Ich ahne wohl schon, was gleich passieren wird.

Dann sitze ich dort in meine weiche Decke eingekuschelt und versuche zu erfühlen, wie es gerade in mir aussieht.

Als ich meine Augen schließe, sitzt nicht nur ein Kloß in meinem Hals. Es tauchen auch Bilder auf und plötzlich fließen Tränen. Ich lasse sie laufen, heule Rotz und Wasser bis ich mich leichter fühle.

Was bleibt ist das gute Gefühl, mich selber endlich ernst genommen zu haben.

Ich habe begonnen auf mich zu achten.

Das, was ich da fühle ich wichtig und vor allem: richtig.

 

Inzwischen habe ich viele Dinge, die bei mir Hungerattacken auslösen, kennengelernt und schenke ihnen meistens Beachtung, so dass es gar nicht dazu kommt, dass ich esse.

Manchmal lasse ich aber auch das Essen zu.

Dann tue ich es aber ganz bewusst: Ich esse jetzt, weil ich jetzt keine Lust habe, mich mit diesem Gefühl auseinander zu setzen.

 

Gleichzeitig versuche ich mehr für mich zu tun und mich ernster zu nehmen.

Wenn mir etwas nicht gut tut, sage ich Nein und höre nicht auf andere, die glauben, dass ich Ja sagen sollte.

Warum sollte jemand anders besser wissen, wie ich mich fühle, als ich selber?

Ich bin der Experte in Sachen „Pfunderbar“ und nicht der Nachbar von nebenan.

 

Im Moment fühle ich mich, als befände ich in einem Labyrinth.

Mal komme ich vorwärts, dann lande ich aber auch mal in einer Sackgasse und gehe denselben Weg wieder zurück. Ich lege auch Pausen ein, denn manchmal ist mir das Alles zu viel.

Aber ich befinde mich auf jeden Fall auf dem Weg zu meiner Mitte.

 

Gewichtstechnisch bedeutet das: Inzwischen 12 kg weniger, die ich mit mir rumschleppen muss.

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