Wenn man eine Reise tut ...

Mein Sohn lädt mich am Bahnhof ab und verabschiedet sich mit einem dicken Schmatzer, wünscht mir „Viel Spaß!“ und ist schon verschwunden als ich mich nochmals kurz nach ihm umsehe.

 

Ich habe ein wunderschönes Freundschaftswochenende vor mir, dem nur noch eine sieben stündige Zugfahrt im Wege steht.

Ich liebe diese Wochenenden, an denen wir Freunde in gemeinsamen Erinnerungen, Albernheiten, ernsthaften Diskussionen und gutem Essen schwelgen.

 

Wenn nur diese Zugfahrten nicht wären!

 

Da ich nicht fünf Mal umsteigen möchte, fahre ich mit einem IC, der mich in einem Rutsch in den südlichen Teil Deutschlands verfrachtet.

Dafür sitze ich aber auch in einem engen Abteil statt in einem geräumigen, luftigen Großraumabteil eines ICEs.

 

Ich habe diese Abteile schon mit den unterschiedlichsten Menschen geteilt.

Da waren Quasselstrippen und Geschäftsleute. Aber auch Schnarcher, Stinker, Schweiger, Schwangere, Kranke, …

Diesmal begleiten mich zwei Damen.

Eine davon ist eine sehr schwergewichtige junge Dame, die für sich fast zwei Sitzplätze benötigt.

 

Während die eine mit Stöpseln im Ohr vor sich hindöst und signalisiert nicht angesprochen werden zu wollen, bietet mir die andere Plätzchen an.

Ich lehne dankend ab.

 

 

„Haben sie Angst um ihr Gewicht?“, fragt mich die Dame auf den zwei Sitzen freiheraus.

„Ja“, antworte ich wahrheitsgemäß, „aber ich kann diese Kekse auch nicht essen. Nussallergie.“

„Ach so! Wissen sie, das mit dem Gewicht habe ich aufgegeben. Ich habe schon vor vielen Jahren beschlossen beim Wetthungern nicht mitzumachen.“, entgegnet sie.

 

Upps! Das ist ja mal ein direkter und unverblümter Einstieg ins Thema.

 

Ich wundere mich und frage mich gleichzeitig wann vor „vielen Jahren“ sie wohl resigniert hat und wie alt sie da gewesen sein muss.

Sie erklärt mir, dass sie sich so wie sie ist, sehr wohl fühlt.

Ich fühle mich nicht wohl, so wie ich bin, mit all den Einschränkungen und Schmerzen in Beinen, Knien und Rücken – denke und sage ich.

„Ah ja… der Rücken…“ Stimmt!

Damit hat sie auch so ihre Probleme.

Aber sonst ist sie topfit mit ihren 24 Jahren.

Das wäre ja auch noch schöner, wenn sie das in ihrem Alter nicht mehr wäre – meint sie.

Na … die Knie… jetzt wo ich´s sage… sie winkt ab.

 

Ihre Mutter war auch so.

Die hat ihr ganzes Leben versucht abzunehmen und es nie geschafft.

Eine Diät nach der anderen. Sich das ganze Leben versauen und immer nur ein Thema: Das Gewicht.

Nee, das will doch niemand.

 

Dabei redet sie mit mir, einer ihr Unbekannten, von nichts anderem.

Trump, Erdogan, die Landschaft, das bevorstehende Wochenende, der Grund der Reise … alles kein Thema. Es dreht sich ums Gewicht. Um ihr Gewicht.

 

„Schaffen sie es denn? Geht was runter?“, fragt sie erwartungsvoll.

Ich glaube fast, dass sie auf eine negative Antwort hofft.

Aber den Gefallen kann ich ihr leider nicht tun.

„Ja, mit Geduld und viel Spucke. Gerade in letzter Zeit geht es gut.“, lächle ich sie an.

 

Bei ihr kann das Abnehmen gar nicht funktionieren.

Sie studiert Geschichte und lernt viel. Sitzt oft am Schreibtisch. Beim Lernen braucht sie immer Nervennahrung. Sonst geht gar nix.

GAR NIX. Nee… echt!

 

Sie erzählt weiter und je mehr sie erzählt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sie sich für ihren Umfang und ihr Gewicht vor allem bei sich selber entschuldigt.

Ich versuche ihr das Gefühl zu geben, sich bei mir, einer Fremden, für nichts rechtfertigen zu müssen. Leider stoppt auch das ihr Bedürfnis nicht, sich für sich selbst zu entschuldigen.

Irgendwann wird mir das Ganze zu viel und so verkrieche ich mich hinter meinem Buch, um die junge Dame mir gegenüber aus ihrer Erklärungsnot zu entlassen und mir etwas Ruhe zu gönnen.

 

Ich wünsche ihr wirklich von ganzem Herzen, irgendwann mit sich und ihrem Körper ins Reine zu kommen und sich entweder so akzeptieren, wie sie ist oder etwas gegen ihr Übergewicht tun zu können.

Dass sowohl das eine wie das andere nicht einfach ist, wissen wir alle, die wir mit den Kilos kämpfen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0