Dicke Vorurteile

... und warum zieh ich mir den verdammten Schuh eigentlich an?

„Mach´s doch einfach!“, sagt der ewig Schlanke zu mir, „Wird echt Zeit!“

Er meint damit das Abnehmen, das Schlank- und Leichter werden.

Schließlich hat er ja auch keine Probleme schlank zu bleiben.

Heute mit 55 wiegt er noch genauso viel wie mit 25.

Also - geht doch. Ist doch ganz easy! Früher sah ich doch auch toll aus.

 

Ich muss doch nur WOLLEN.

 

Ich hatte auf Zuspruch und ein paar ermunternde Worte gehofft, weil ich gerade etwas durchhänge und einfach mal zwei Arme gebraucht hätte, die mich festhalten oder eine Hand, die mir den Rücken tätschelt und damit meint: „Wird schon! Kopf hoch!“

 

Stattdessen würgt er mir mit „Mach´s doch einfach!“ eine Faust in den Magen.

Ich wende mich enttäuscht ab und frage mich tatsächlich, warum ich es nicht schaffe, es „einfach zu machen“. Einfach mal eben so 30 kg abzunehmen. Warum habe ich überhaupt so viel zugenommen?

 

Selbst Schuld!

 

Stimmen etwa all die Vorurteile, die man „den Dicken“ gegenüber hat?

Bin ich faul, gefräßig, übermäßig und willensschwach? Oder bin ich gar dumm? Blöd? Undiszipliniert? Zu gemütlich? Eine Fressmaschine?

 

Nein! Ganz entschieden NEIN!

 

Ich bin nichts von alledem. Leider lasse ich mich aber immer mal wieder von solch dummen Sprüchen runterziehen und ziehe mir den Schuh, den mir irgendwer hinhält an – auch wenn er gar nicht passt.

Dann fühle ich mich furchtbar unzulänglich, hässlich und noch schwerer als ich wirklich bin.

Dann schleiche ich gesengten Hauptes von dannen und hadere mit mir und mit meiner angeblichen Unfähigkeit „ES“ zu tun oder zu wollen.

 

Es dauert nach solch einem verbalen Fausthieb in den Magen immer etwas bis mir klar wird, dass nicht ich die Unzulängliche bin, sondern mein Gegenüber.

Wer seine Mitmenschen lieber mit Vorurteilen niederstreckt, anstatt sich die Mühe zu machen, mit einem offenen Ohr - und mehr noch mit einem offenen Herzen - zu zuhören, der ist wohl wesentlich unzulänglicher als ich.

So ein Mensch, der andere in ausgelatschte Schuhe stecken möchte, die zwar ihm gefallen und passen, aber nicht dem Gegenüber, macht es sich leicht. Nachdenken ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht das Überdenken eigener Strickmuster. Jeder hat seine eigene Geschichte, die ihn vielleicht daran hindert, in dieser Sache ins Denken zu kommen anstatt sich hinter Vorurteilen zu verschanzen.

 

Früher dauerte es länger bis ich nach solchen Verbalattacken wieder aufrechten Hauptes durch den Tag gehen konnte. Da humpelte ich mit dem falschen Schuh tagelang durch mein Leben. Heute erkenne meistens früher, was da im Argen liegt und lasse mich davon immer seltener beeindrucken.

 

Habt Ihr auch schon solche oder ähnliche Sprüche gehört? Und wie geht Ihr damit um?

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Kommentare: 4
  • #1

    Madame Graphisme (Montag, 05 September 2016 18:12)

    Ich glaube, dass jeder Mensch andere Dinge als motivierend oder demotivierend empfindet. Mich hätte das "mach´s doch einfach" richtig begeistert, weil es Leichtigkeit und Initiative suggeriert. Dafür weiche ich immer zurück, wenn man mir Verständnis und freundliche Aufmunterung entgegen bringen will.
    Vielleicht war der Kerl, der Dir diesen Satz gedrückt hat, ja wie ich gestrickt und meinte es absolut positiv? Menschen sind halt kompliziert und sehr verschieden. :)

  • #2

    Klaudia (Dienstag, 06 September 2016 06:31)

    Hallo Madame Graphisme,
    danke für Deinen Besuch!
    Ja, Gott sei Dank sind die Menschen alle sehr verschieden. Wie langweilig wäre es, wenn wir alle dieselben Macken hätten? Das wäre ja kaum auszuhalten! :-))

    Ich finde es prima, dass Du dem ganzen etwas Positives abgewinnen könntest.
    Ich stehe eher auf Verständnis. :-))

    Dieser Typ gehört zu der Fraktion Mensch, die noch nie Auto gefahren sind, aber als Beifahrer ALLES besser wissen. Er ist wie einer dieser Fußballfans, die noch nie Fußballschuhe anhatten, aber vor dem Fernseher am lautesten brüllen, meckern und der Meinung sind, dass man ihnen besser den Job als Bundestrainer anbieten würde.
    Seine Vorurteile dicken Menschen gegenüber sind ein Konglomerat all dessen, was man so an gängigen Vorurteilen findet. Er ist quasi ein Paradebeispiel und musste deshalb Erwähnung finden.

  • #3

    Bea (Mittwoch, 07 September 2016 05:35)

    Hi, Klaudia
    Auch ich finde solche Menschen grausam.
    Es sind genau solche die immer genau wissen wie alles geht, wie du schon sagtest, die selber keine Gewuchts Probleme haben, aber wissen wie es geht. Die, die keine Kinder haben, aber genau wissen wue man sie zu erziehen hat. Die, due nie Knieprobleme hatten, aber genau wissen, wie man sie beheben kann. "Mach doch einfach" da steigt auch Wut in mir hoch.
    Nichts einfacher als all Das.
    Ich musste da sofort an meine sehr langjährige Freundinn denken, sie hatte ständig Gewichtsplroblem und war sehr dick. Alles hat sue versucht um abzunehmen. Als sie 58.Jahre war, nahm sie plötzlich ab. Ganz von selbst.
    Sie hatte Krebs und ist kurz darauf gestorben. Kurz vor ihrem Tod, hat sie zu mir gesagt, sie würde so gerne wieder dick sein wenn sie nur leben dürfte:O
    Also, an alle Großmäuler und Dummköpfe,
    Was habt ihr schon für eine Ahnung!

    Erst Nachdenken, dann besser manchmal Klappe halten. O:-)
    Und:Jemanden mal was Nettes sagen, tut nicht weh!

    Einen nachdenklichen Tag wünscht
    Bea

  • #4

    Roland Spiegler (Samstag, 10 September 2016 17:10)

    Das ist eine sehr spannende Diskussion, danke für dieses interessante Thema! Vermutlich wählt jeder einen anderen, sehr persönlichen Weg, mit dem man selbst am besten klar kommt. Für mich war es in der Abnehmphase wichtig, zu mir selbst immer wieder mal "Mach's doch einfach" zu sagen. Denn natürlich setzt man der erforderlichen Veränderung gerne etwas Trägheit entgegen. Und ja, wenn dieser Satz aus einem anderen Mund als dem eigenen kommt, dann tut er erstmal weh. So ging es mir natürlich auch. Trotzdem habe ich "ehrliche" Menschen, die auch mal kein Blatt vor den Mund genommen haben, als Verbündete geschätzt, die mich letztendlich dabei unterstützt haben, mich drastisch zu verändern. Insofern fand ich Motivation durch mich selbst und durch andere wichtig und dazu gehörte auch mal ein gutgemeinter Tritt in den Hintern. Was die Frage nach der "Schuld" betrifft, so hatte ich mir ab dem Zeitpunkt, ab dem für mich ganz klar war, dass ich mich verändern werde, den Schuh auch angezogen. Für mich war dies deshalb sehr wichtig, weil meine Mutter bei einer Größe von 1,60 m knapp 150 kg wog und eine Schilddrüsenfehlfunktion hatte. Wie leicht wäre es mir damals gefallen, die Schuld an meinem Übergewicht den Genen, der Erziehung, dem Essen in der Kindheit oder einem schlechten Einfluss oder etwas anderem zu geben. Aber für mich stand fest: Wenn ich die Schuld nicht zu 100% bei mir selbst suche, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass ich mich nicht aus eigener Kraft alleine verändern kann; denn meine Gene kann ich nicht modifizieren. Daher bin ich aus heutiger Sicht sehr froh, dass ich diesen unbequemen Schuh damals angezogen habe. Aber das ist mein persönlicher Weg - sicherlich nicht auf andere Menschen übertragbar und nur einer unter sehr vielen möglichen Wegen, die funktionieren können, und aus denen man sich denjenigen aussuchen sollte, mit dem man sich selbst wohl fühlt und auch seine eigenen Ziele erreichen kann.