Multitasking-Essen

Multitasking-Essen

Ich bin gestresst. Mir läuft die Zeit davon. Ich schaff es nicht. Da ist noch so viel zu tun!

 

Ich räume die Spülmaschine aus und esse währenddessen. In der einen Hand halte ich das Käsebrot, mit der anderen räume ich ein Glas in den Schrank. Biss. Hmm, das Messer ist noch dreckig. Biss. Dieses auch! Verdammt, was ist denn da los? Biss. Ein Teller wandert auf die Ablage. Den brauche ich gleich noch. Warum ihn dann einräumen? Biss. Jetzt kann ich mit beiden Händen arbeiten, denn mehr als drei, vier Bisse brauche ich nicht für eine Stulle.

 

Keine Zeit. Ich schreibe und esse.

Das Essen wie ferngesteuert, ohne Geschmack.

Bin ich satt? Ich weiß nicht. Wann und ob ich das überhaupt bin, spüre ich nicht.

Sättigungsgefühl ade!

 

Ich schaue fern und esse Nüsse, Eis, Schokolade. Ich telefoniere und esse nebenbei. Ich esse während ich lese, bügele, gehe, putze … und schmecke … so gut wie nichts.

Multitasking beim Essen.

Weil ich nichts schmecke, esse ich später noch einmal etwas, damit der Genuss nicht ganz zu kurz kommt. Manchmal weiß ich abends nicht, was alles von der Hand in meinen Mund gewandert ist.

Der Geschmackssinn und die Figur leiden erheblich unter meiner Multitaskingfähigkeit.

 

Dabei esse ich gar nicht so ungesund.

Junk Food gibt es so gut wie nicht auf unserem Speiseplan und deshalb lohnt es sich richtig hinzuschmecken bei dem, was ich aus dem Kühlschrank hole und mir in den Mund schiebe.

 

Und genau das mache ich jetzt:

Seit einer Woche esse ich bewusst. Mit allen Sinnen.

Ich sitze beim Essen am Tisch, nachdem ich mein Essen fertig zubereitet habe.

Bevor ich mit dem Essen beginne, versuche ich runterzukommen.

Weg vom Ärger mit dem Laptop. Weg von den Gedanken an den Schornsteinfeger, der heute zu allem Überfluss auch noch kommt. Weg vom Anruf beim Zahnarzt, den ich schon wieder vergessen habe oder weg vom Einkaufszettel, auf dem noch das Brot fehlt. Weg vom Stress überhaupt.

Jetzt hat all das mindestens 20 Minuten Pause. Ca. 20 Minuten braucht es bis ein Sättigungsgefühl entsteht.

Ich konzentriere ich mich voll und ganz auf das Essen.

Schmecke hin, spüre die Konsistenz der Speisen. Knackigen Salat und cremigen Joghurt. Rieche den herrlichen Duft der Zitrone in meinen Wasser oder den der frisch geriebenen Muskatnuss auf meinem Quark. Spüre endlich wieder, wie wunderbar der Lachs auf der Zunge zergeht und beim Genuss des rosa gebratenen Lammfleischs schließe ich die Augen. Herrlich!

 

Und dann Enttäuschung.

Wo bleibt das Gefühl satt zu sein?

 

Auch nach 30 Minuten intensivsten Kauens und Schmeckens, Genießens… nichts.

Vielleicht ist es beleidigt, das Gefühl, das so lange ignoriert habe und sitzt irgendwo in mir und schmollt.

Kann ich verstehen.

Wer so lange ignoriert wird, darf sauer sein. Der darf auch darauf warten ein bisschen hofiert zu werden.

Ich gebe nicht auf.

Konzentriere mich weiterhin voll und ganz auf mein Tun: Auf das Essen.

Höre auf zu essen, weil ich denke jetzt reicht es.

 

Aber am Samstag spüre ich zum ersten Mal das Signal aus dem Bauch: STOPP! SATT!

Voller Freude schmeiße ich mein Besteck auf den Tisch und rufe: „Satt! Ich bin satt!“ und strahle in die Runde.

Mein Hund erschreckt und meine Familie kuckt komisch. Mein Mann brummt mit vollem Mund: „Aha!“ und ein paar Minuten später schmeißt das erste meiner Kinder ebenfalls Messer und Gabel hin. „Ich bin satt!“

 

Wir freuen uns gemeinsam. Wir sind satt!

 

Ab sofort esse ich nur noch zu festgelegten Zeiten am Tisch sitzend.

Zwischendrin gibt es nichts mehr und schon gar nicht im Multitasking- Modus.

 

Klaudia


Im Spektrum gibt es einen informativen Artikel zum Thema "Sättigungsgefühl":

http://www.spektrum.de/news/wie-entsteht-das-saettigungsgefuehl/941427

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Kommentare: 3
  • #1

    Karen (Montag, 22 Februar 2016 07:01)

    Bin durch Zufall auf deine Seite gestoßen.
    Das ist ja mal was für uns in den Fünfzigern! Super!
    Ehrlich toll.
    Das macht Mut, dass ich es auch noch schaffe!

    Bitte weiter erzählen, wie es bei dir läuft!
    Karen

  • #2

    Klaudia (Montag, 22 Februar 2016 07:40)

    Hi Karen,
    klar schreib ich weiter!
    Was auch immer Du schaffen willst: Du schaffst das! :-)

    Klaudia

  • #3

    SchmieDa (Montag, 22 Februar 2016 10:43)

    Ich mach das beim Autofahren und merke erst wens mir schlecht wird, dass ich zu viel gegessen habe. Chips, Schoki und so.